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Ein
Artikel von Jan Feddersen aus der Badischen Zeitung vom 12.08.04
Mit ihm sei er fertig. Keine Sekunde seines Lebens werde er mit ihm noch verbringen. Die Zeit der Demütigungen, die Ära der Leisetreterei seien für ihn vorbei: Mit Dieter Bohlen, da „gibt es nichts mehr, kein Gefühl, keinen Respekt“. Der das sagt, heißt Thomas Anders und war viele Jahre
lang die Stimme von Modern Talking, der Sänger, der sich auf die Kopflagen verstand, auf das Timbre des Androgynen, jenes Sound, der, typischerweise, in den geschlechtsrollenambivalenten Achtzigern geboren wurde.
Das Popduo Modern Talking verlieh dieser Epoche ihren ganz besonderen Anstrich. Bohlen war der Macher, der Produzent, der Erfinder, der Melodiker – und Anders war der Charismatiker, die Frontsau, der Mann, der mit löwenmähniger Frisur die Mädchen auf erotische Ideen zu bringen verstand. Heute, so Anders, sei das Schnee von gestern – und er ist mit neuen Projekten beschäftigt. Heute Abend erfährt er eine echte Ehre: In der Olympiashow des ZDF (20.15 Uhr) darf er neben Superstar Lionel Ritchie die populärsten Olympia-Hits singen.
Das Zerwürfnis mit Bohlen war ihm ein Sieg. Es fand statt, als Dieter Bohlen plötzlich auf die Idee kam, ein zweites Buch zu schreiben, darob, so sagen Literaturexperten, größenwahnsinnig wurde – und via „Bild-Zeitung“ seinen Kompagnon Thomas Anders bezichtigte, sich unrechtmäßig an Modern Talking bereichert zu haben.
Eben dies war die Wiedergeburt des Thomas Anders. Bohlen stand über Nacht als nimmersatter Übelnachredner da, Anders hingegen als Opfer. Seither muss Thomas Anders nicht mehr in dem Gefühl leben, in der Öffentlichkeit als Zögling von Bohlens Gnade zu gelten.
Zwar hat der gebürtige Pfälzer nicht jene dreistelligen Millionenbeträge angehäuft wie Bohlen – aber wohlhabend ist auch er im Laufe von zwei Jahrzehnten geworden. Musikproduzent und Moderator sei er, Sänger – und ein Mann, der „eigentlich nichts mehr nötig hat“ und deshalb „jeden Tag ohne Stress mit Spaß angehen kann“.
Nun gut, ein Star, der er ja war, weil er nicht zu träumen befahl, sondern die Träume anderer an sich selbst entzünden ließ, ein Star ist er noch – wenn auch nicht mehr der ersten Garde. Just in den Vierzigern, ist er realistisch genug, um zu wissen, dass er bald als Vater wahrgenommen wird – wenn auch in der schönen Verfassung, dass er nicht als altväterlich gesehen werden muss. Anders hat momentan genau die richtige Aura, um, beispielsweise, für die ARD die Grand-Prix-Party von der Reeperbahn zu moderieren: Er ist akzeptabel für das jüngere Viva-Publikum und
wirkt zugleich nicht abschreckend auf die ältere Klientel in der ersten Reihe.
Der Experte, der bei Stefan Raab Max Mutzke mit auswählte
Irgendwie hip und doch nicht modeschnöselig: So einer könnte Karl Moik und seinen Musikantenstadl beerben. Thomas Anders hat den Meganarzissmus Bohlen überlebt und sich selbst lieber denn je gewonnen – als Mann, der eine tolle Zeit hatte, der unter der Knute Bohlens gewiss hat leiden müssen, aber doch heute, in der Sprache der Ökonomen, so gut aufgestellt ist, dass er noch eine akzeptable Solokarriere jedweder Medienart machen kann.
Er hat ja bewiesen: Während Bohlen in „Deutschland sucht den Superstar“ den gnadenlosen Juror gab und für etliche Fehlurteile geradezustehen hatte, entwickelte sich Anders in Stefan Raabs Grand-Prix-Castingshow, aus der Max Mutzke als Sieger hervorging, zum Experten, der es nie nötig hat, unter die Gürtellinie zu zielen.
Thomas Anders sagt: „Ich bin happy.“ Er, der ehemalige Schlagersänger, der keine Chance hatte, sie aber zu nutzen verstand: Dieser Thomas Anders muss sich für nichts mehr schämen. Er wirkt, verheiratet, Vater und Medienmann, ganz im Einklang mit sich. Eine bessere Lösung für sein Leben hätte es nicht geben können.
Quelle: Badische Zeitung vom 12.08.04
Autor: Jan Feddersen
Vielen Dank für die freundliche Genehmigung
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