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                                        Thomas mal ganz Anders
 
                           
Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz Stadt vom 01.09.2007, Seite 65.                       

            

Dies ist die Geschichte von Werner Stockhahn. Er ist 72 Jahre alt, hat einen säuselnd-sanften Kölschen Akzent, ist Rentner, dank einer Erbschaft durchaus gut situiert, hat lange im Ausland gelebt und ist - mit Verlaub - eine ziemlich arrogante Nervensäge. Bevorzugt sucht er in Köln Nobelschuppen auf, betatscht sündhaft teure Pianos, speist in edelsten Lokalen und betritt hemmungslos Vornehm-Boutiquen. Das Unangenehmste: sein Mundwerk, das niemals stille steht. Es bringt seine Mitmenschen nicht selten an den Rand des Verzweifelns...

Es ist eine durchaus traurige Geschichte, die erzählt werden soll, denn Werner Stockhahn hat nur zwei Tage gelebt. Und wurde 72 Jahre alt? Ja, das geht. Denn Werner Stockhahn besteht hauptsächlich aus Silikon, künstlichem Haar und Pinselstrichen. Im Herzen ist der 72-Jährige 28 Jahre jünger und gar nicht prollig und polternd, sondern so ziemlich das genaue Gegenteil. Unter der 15 000 Euro teuren, enorm aufwendigen Maske des nervenden Seniors steckt der Koblenzer Popstar Thomas Anders.

Nein, Herr Anders hat kein Identitätsproblem. Das ganze Gerede von Werner Stockhahn ist auch kein Jux. Thomas Anders hat am "Experiment Inkognito" des Fernsehsenders Kabel 1 teilgenommen, das prominenten Köpfen eine lange vermisste Erfahrung ermöglicht: Sie schlüpfen in eine fremde Identität und bleiben unerkannt. Sie tauchen in der anonymen Menschenmasse unter und werden nicht einmal von ihren engsten Freunden oder Ehepartnern erkannt. "Das Experiment Inkognito war sehr spannend für mich", sagt Thomas Anders. "Jeder wünscht sich doch einmal im Leben eine Tarnkappe. Man ist praktisch unsichtbar und kann herausfinden, was fremde Leute oder der Chef wirklich von einem halten."

Die Chance auf eine solche Erfahrung veranlasste den Star, in das Experiment einzuwilligen. Glück für die Fernsehmacher von Kabel 1, denn bei den meisten Angeboten schüttelt Anders den Kopf. "Ich bekomme täglich Anfragen, bei irgendwelchen Shows mitzumachen." Wir begleiten Thomas Anders in einen Familienurlaub auf die Malediven - abgesagt. Thomas Anders adoptiert einen Hund aus dem Tierheim und bringt ihm innerhalb von fünf Tagen Kunststücke bei - abgesagt ("Was hätte ich nach den fünf Tagen denn mit dem Hund gemacht? Ihn zurück ins Tierheim gegeben?"). Wie war es, als Thomas Anders mit dem Rauchen aufhörte - abgesagt ("Ich habe glücklicherweise nie geraucht und musste also auch nicht aufhören."). Und natürlich Anfragen, in den RTL-Dschungel zu gehen ("So schlecht könnte es mir nie gehen, dass ich in den Dschungel muss."). "Mir geht es nicht ums Geld, sondern die Geschichte muss einfach zu mir passen", sagt Anders. Wenn sich die Fernsehmacher eine gute Geschichte ausgedacht haben, die Spaß verspricht, dann nickt der Popstar und ist dabei. Und nimmt dann auch körperliche Anstrengungen auf sich.

"Wir haben zwei Tage in Köln gefilmt. Ich bin um 5 Uhr morgens aufgestanden, war um 7.30 Uhr in der Maske." Sechs Stunden dauerte es, bis die Maskenbildner Thomas Anders in Werner Stockhahn verwandelt hatten. "Das Gesicht wird 20 Minuten lang mit flüssigem Klebstoff eingepinselt und dann wird nach und nach die Maske aufgetragen." Die Silikon-Maske nimmt in Kürze die Körpertemperatur des Trägers an und ist so gestaltet, dass man sein Gesicht ganz natürlich bewegen kann. "Das ist schon toll, aber man schwitzt ganz schrecklich darunter."

Nach diversen prüfenden Blicken in den Spiegel ging es dann, von Kameras begleitet, los zu den Schauplätzen, die Werner Stockhahn heimsuchen sollte. Dabei wählte das Filmteam gemeinsam mit Ingolf Lück, dem Moderator der Sendung, Orte aus, die Thomas Anders auch privat gerne besucht. Er sollte Menschen begegnen, die ihn eigentlich kennen und vor allem erkennen müssten. Doch die Maske hielt und die Illusion ebenfalls - der Rentner Werner Stockhahn wurde nicht im Entferntesten mit dem Sänger Thomas Anders in Verbindung gebracht. "Mir ging weniger das hässliche Aussehen von Werner gegen den Strich, sondern eher, dass er so ein aufgeblasener Proll ist", sagt Anders.

"Ich habe aber eine interessante Erfahrung gemacht: Das Personal hat mich überall sehr zuvorkommend behandelt und sich nicht aus der Ruhe bringen lassen." Wenn Thomas Anders aus einem vom Chauffeur gelenkten schicken Auto aussteigt, ist es klar, dass er sich im Bechstein-Zentrum an die wertvollen Pianos setzen darf. Doch auch der schrullige Werner Stockhahn wurde nicht nach draußen bugsiert, als er auf einem sündhaft teuren Konzertflügel klimpern wollte. "Das Kompliment, dass man sich wirklich um Kundschaft kümmert, habe ich hinterher auch den Geschäftsführern weitergegeben", so Anders. Manchmal drohte die Tarnung zu platzen, etwa wenn der gute Werner in einer schicken Boutique aufgefordert wurde, doch einmal einen Anzug anzuprobieren. "Da musste ich improvisieren, denn ich war ja überall am Körper mit Mikrofonen verkabelt und hatte eine Mini-Kamera in einem Knopfloch versteckt", erzählt Anders schmunzelnd.

Dass sich Angestellte und Kellner, Fans und Fremde von der Maske täuschen lassen - einverstanden. Doch dann wagte Anders den Härtetest. "Ich habe als Werner Stockhahn eine Lesung besucht, die meine Frau in Köln abgehalten hat. Meine größte Sorge war: Hoffentlich erkennt sie mich nicht an der Gestik!" Das Ergebnis gibt's am Montag auf Kabel 1 zu sehen. "Ich bin selbst sehr gespannt auf die Sendung; ich habe die fertige Fassung noch nicht gesehen", sagt Thomas Anders.

Die Maske von Werner Stockhahn ist zerstört. Sein kurzes Leben beendet. "Nein, es gibt keine Situation, in der ich mir den Werner wieder herbeisehnen würde", sagt Anders lächelnd. "Den haben wir beerdigt."  

 

      © Michael Defrancesco - Rhein-Zeitung - Ausgabe Koblenz Stadt vom 01.09.2007, Seite 65.
       
                                      Wir danken für die freundliche Genehmigung

                

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